Wie erlebe ich Sexualität erfüllt?

Unerfüllte Sexualität?

 

Probleme in der Sexualität sind inzwischen in vielen Beziehungen an der Tagesordnung.
Die anfängliche Leidenschaft ist längst verflogen und Frust, Unlust und Leistungsdruck machen sich breit.


Es gibt eine Möglichkeit, diesem Frust zu entkommen, und zwar indem ein neues Bewusstsein zur Sexualität aufgebaut wird. Weg von dem alten Schema hin zu einem „Verschmelzen in Liebe“, das achtsam, liebevoll, erfüllt  und frei von (Leistungs-)Druck ist.

 

 

Als ich einem Freund erzählte, dass ich einen Bericht über Sexualität auf meiner Homepage veröffentlichen will, und evtl. sogar daraus einen Vortrag zu gestalten, bekam ich zur Antwort, dass dies ein sehr heikles Thema sei, und es vielleicht falsch verstanden werden könnte.
Aber genau da geht es doch schon los. In wie vielen Ehen und Beziehungen, meist bei den langjährigen, gibt es in der Sexualität Probleme? Und wird darüber gesprochen? Nein, natürlich nicht, darüber spricht man ja nicht.


Warum ist Sexualität solch ein Tabuthema?

Es gehört zu den 3 Grundbedürfnissen neben essen und schlafen, ohne die die Menschheit nicht existieren würde. Und über essen und schlafen reden wir doch auch! Es geht nicht um intime und persönliche Einzelheiten, sondern darum, wieder offen und natürlich mit diesem Thema umzugehen.


Was ich hier schreibe, sind meine Erfahrungen und die von Menschen, mit denen ich mich ausgetauscht habe sowie meine Überzeugungen. Das muss nicht auf jeden zutreffen und stimmig sein.

Nimm es, wenn du magst als Denkanstoß oder lass es wieder los. Deine Entscheidung, deine Wahl!


Ich persönlich habe Sexualität in meinem Leben die meiste Zeit unbefriedigend bzw. unerfüllt erlebt. Angefangen haben die Erlebnisse bereits viel zu früh, nämlich in der Kindheit  durch Missbrauch. Da wurde dem Thema gleich Ekel, Schuld und Scham mit aufgedrückt. Dann ging es weiter, indem ich unbewusst immer wieder Männern begegnet bin, deren Verlangen wesentlich häufiger war als meins, was alleine schon zu Problemen führte.  Und durch den Missbrauch hatte ich mich irgendwie von meinen Gefühlen abgetrennt, so dass der Sex für mich nicht befriedigend und erfüllt war.
Da kommen wir dann schon zu einer immer wieder gestellten Frage:

 

Warum täuschen Frauen einen Orgasmus vor?

Da gibt es dann gleich mehrere Gründe:
Sie hat eigentlich keine Lust und will, dass es schnell vorbei ist. Sie will dem Mann irgendwann „grünes Licht“ geben, weil er bestrebt ist, ihr unbedingt Erfüllung zu verschaffen oder sie keine weiteren „Turnübungen“ mehr machen möchte. Sie traut sich nicht, ihm mitzuteilen, dass sie keinen Höhepunkt erreichen kann oder nur schwer dahin kommt. Sie will ihn nicht enttäuschen.


Warum ist die Frau nicht ehrlich?

Weil sie es nicht kann.
Wenn man sich so umhört, ist überall der Sex toll, es gibt keine Probleme, und beide wollen meist gleich oft. In Filmen fallen die Pärchen auch nach zig Jahren übereinander her wie am ersten Tag. Von dem was die  Pornoindustrie vermittelt, wollen wir gar nicht erst reden… Den Männern wird suggeriert, dass Frau (fast) immer will und willig und eine Bombe im Bett ist, und dass Mann auch gar nicht viel dazu tun muss. Nirgends wird so viel gelogen wie bei diesem Thema.
Durch die vielen Lügen fühlt sich eine Frau, die nicht/nur schwer „zum Ziel“ kommt oder nicht so oft das Bedürfnis danach hat, unvollständig. Irgendetwas stimmt nicht, denn bei den anderen funktioniert es ja angeblich. Wenn dazu dann noch Schuld und Scham durch schlechte Erfahrungen, Belästigung oder Missbrauch kommen, traut Frau sich erst recht nicht, darüber zu reden. Erziehung spielt dabei natürlich auch noch eine große Rolle.
Das Thema Scham und Schuld bringen wir eh bereits in unser Leben mit, da dies schon Jahrhunderte lang u.a. von der Kirche immer wieder gepredigt wird. Die Frau vertreibt den Mann aus dem Paradies, weil sie ihn verführt, die Frau ist die Ehebrecherin und die Hure… Diese Programme laufen alle unbewusst.
Des Weiteren wird die Scham sogar benannt: Die Frau hat ein Schambein und Schamlippen, ihre Brust hat Warzen. Das sind Worte, mit denen wir aufgewachsen sind, wir denken uns nichts dabei, doch auf unser Unterbewusstsein haben sie große Auswirkungen.


Auch kommen Ängste hinzu, die  eine Frau lügen lassen, und zwar die Angst, nicht zu genügen, nicht gut genug, nicht wertvoll  zu sein und die Angst, verlassen zu werden, also nicht geliebt zu werden. Das sind Urängste, die tief verankert und gerade bei verletzten Menschen sehr wirksam sind. Auch bei Männern.

 

 

Zurück zu mir.
Als ich meinem Mann erzählte, was mir als Kind passiert ist, weil ich ihm erklären wollte, warum ich so wenig Lust auf Sex hatte, bekam ich zur Antwort, ich solle zum Arzt gehen, weil ich krank sei. Das tat ich dann auch. Ich machte eine Therapie, bei der er gebeten wurde, mich teilweise zu begleiten und zu unterstützen. Er meinte, er hätte nichts damit zu tun, er hätte ja kein Problem…  Man kann sich vorstellen, dass diese Ehe nicht sehr lange gehalten hat.

Ich zog Grenzen, denn ich erkannte, dass wenn ich sein Spiel mitspiele, geht der Missbrauch weiter, auf eine andere Art und Weise als in der Kindheit, aber er geht weiter.
Allerdings war die Bereitschaft, einem Mann die Wahrheit mitzuteilen, wieder auf den Nullpunkt gesunken. Also wiederholte sich das Spiel. Erfüllung wurde vorgetäuscht. Der nächste Mann wollte wieder wesentlich öfter als ich… Wenn ich ein paar Tage ablehnte, konnte ich die schlechte Laune nicht mehr ertragen, gab dann nach… und wieder ließ ich mich missbrauchen. Heute weiß ich, dass ich dies erlaubt habe.


Es geht NICHT (mehr) um Schuld, auf keiner Seite. Jeder handelt so, wie er es am besten weiß und kann. Es geht darum zu erklären, wie Probleme entstehen können und warum es nicht so einfach ist, aus diesen Prägungen und Mustern auszusteigen.


Nach dem Ende dieser Beziehung begann ich dem Mann, bevor es zur ersten intimen Begegnung kam mitzuteilen, was ich erlebt habe, und welche Auswirkungen dies auf mein Gefühlsleben hat, denn ich wollte nicht mehr lügen und etwas vortäuschen was nicht ist. Das kostet jedes Mal eine Menge Mut, Kraft  und Überwindung, denn ich gebe meine verletzlichste Seite preis, öffne mich und schenke Vertrauen.


Die Erfahrungen danach waren auch nicht unbedingt besser. Das reichte von: dann braucht Mann sich keine Mühe mehr geben über Mann kann dann auch nicht mehr bis zu noch mehr Erfolgsdruck, weil beim Mann der Ehrgeiz geweckt ist, mich mit allen Mitteln  „erlösen“ zu wollen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich gar nicht mehr wusste, wie ich mich verhalten soll. Sagen oder nicht sagen, vortäuschen oder nicht mehr vortäuschen.

Ich habe mich dann für die Wahrheit entschieden, denn ich will authentisch sein und es betrifft in dem Moment auch den Mann, und es ist wichtig für ihn, zu wissen, was mit seiner Partnerin los ist, jedenfalls in dem Fall, wenn es um Liebe  und Partnerschaft geht.


In den letzten Jahren habe ich mich viel mit dem Thema Sexualität beschäftigt, gelesen über „kühlen“ Sex oder „Slow“ Sex, habe mich mit Tantra beschäftigt und mich viel mit anderen Menschen ausgetauscht. Dabei erzählten auch  Männer, dass für sie Sexualität, trotz Erleben eines Orgasmus, nicht unbedingt immer erfüllend und ähnlich problematisch wie bei Frauen ist. Dass auch Mann ein Spiel spielen kann und nicht immer ehrlich ist. Auch fühle sich Mann öfter unter Erfolgsdruck… ständig „seinen Mann stehen“ zu müssen, und dass Sex anstrengend sein kann, als zusätzliche Arbeit empfunden wird.  

Das waren ganz neue Erkenntnisse für mich, da ich diese Seite bis dahin noch nicht kannte. Es ist mir im Nachhinein schon klar, denn es gibt ja auch Männer, die verletzt wurden oder diesbezüglich Probleme mit sich tragen.
Für mich habe ich wieder Mut gefasst, mich weiter zu „outen“, also zu mir, zu meiner Gefühlswelt und zu meinen Wünschen zu stehen und vor allem, darüber zu reden.
Die neu kennengelernte Variante des „kühleren  Sex“ habe ich natürlich getestet. Die Erfahrung mit diesem für mich neuen Umgang miteinander war sehr schön. Es war ein ganz anderes Gefühl, alles war viel intensiver und frei von Erfolgs- und Leistungsdruck oder dem angestrebten Ziel eines „Happy Ends“.  

Diese Ausrichtung ist sanft, voller Gefühl, Achtsamkeit und vor allem Nähe. Diese intensive Nähe auszuhalten, ist auch nicht immer einfach. Für beide Seiten. Bei dieser Art von Sexualität geht es um Langsamkeit, Achtsamkeit, Wertschätzung und vor allem um Liebe. Auch können sich durch keine bis nur langsame Bewegungen und ein lange ineinander verweilen, Energiefelder aufbauen, die sehr heilsam sind, für die Frau und auch den Mann. So können alte Verletzungen zu heilen beginnen (siehe auch Heilung der Weiblichkeit). Vertrauen wird so Stück für Stück wieder aufgebaut.
Ich habe also eine für mich neue Art der Sexualität kennen und schätzen gelernt.
Was für mich wichtig zu erkennen war ist, dass eine Frau, die Verletzungen in sich trägt, welcher Art auch immer, viel an sich arbeiten und klären kann sowohl alleine als auch durch Unterstützung einer Therapie/Beratung. Ab einem bestimmten Punkt ist allerdings die Hilfe des Mannes zur weiteren bzw. vollständigen Heilung nötig. Beim Mann verhält es sich natürlich genau so.
Aber das grundlegend wichtigste zur Heilung überhaupt ist, absolut ehrlich zu sich selbst zu sein! Das ist der erste Schritt Richtung Heilung und Erfüllung. Dann folgt ehrlich zum Partner zu sein. Damit beginnt ein ehrlicher Austausch.

Vielleicht kommen viele Dinge ans Licht, die der Partner noch gar nicht wusste und bekommt somit ein ganz anderes Verständnis für Situationen, Missverständnisse und Verhaltensweisen.
Auch die Art der Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Keine Schuldzuweisungen mehr, sondern aus dem eigenen Empfinden heraus sprechen. (Ich fühle…., nicht mehr du hast…) Achtsamkeit, Respekt, Wertschätzung und auch sich einfühlen in den Anderen. Ausreden lassen und hin hören. Ängste, Sorgen, Zweifel aber auch Wünsche und Sehnsüchte an- und aussprechen. Wie soll der Partner wissen was du willst, wenn du es ihm nicht sagst oder zeigst?


Ein neues, klares, offenes und ehrliches Umgehen miteinander im täglichen Umgang, in der Kommunikation und in der Sexualität gibt die Möglichkeit, neue Wege zu gehen, hin zu einem erfüllteren und glücklicheren Leben.
Es ist ein Weg, manchmal ein sehr langer, zeitweise ist er auch schmerzhaft, es wird Mut und Geduld gefordert, doch es lohnt sich, wenn das Licht am Horizont zu erscheinen beginnt.
Auch ich bin noch nicht am Ziel angelangt, doch wenn ich zurück blicke, erkenne ich, wie weit ich schon gegangen bin, was ich schon alles erreicht habe und freue mich auf das, was noch kommt.

 

Ich bin dankbar für all die Erfahrungen, die ich  sammeln durfte, auch die unschönen und schmerzhaften. Denn ich weiß heute, dass ich das was ich bis jetzt erkannt habe und was ich jetzt lebe, erst richtig schätzen kann, weil ich auch gefühlt habe, wie es anders ist.


So entwickelt sich die Sexualität wieder hin zu einem natürlichen Liebesspiel, einem Liebe praktizieren oder in Liebe verschmelzen… , einfach die Gefühle fließen lassen, mit dem Partner, der diesen Weg mit geht.

                                                                                           ©Annika Raaßing

                                                                                   

 Gerne helfe ich auch Dir bei der Lösung Deiner Probleme!